»Der Garten umschloss sie immer fester, zeigte ihr Dinge, gab flüsternd seine Geheimnisse preis.«

Neuentdeckung eines vergessenen Bestsellers und einer großen Autorin

Wer war Maria Dermoût?

DERMOÛT ÜBER DERMOÛT

Maria Dermoût (Larry Burrows, ›Life‹, 1958)
Maria Dermoût (Larry Burrows, ›Life‹, 1958)

Auf Bitten des Querido-Verlags verfasste Maria Dermoût im April 1951 eine knappe Selbstauskunft: »Selbst über mich etwas schreiben, aber was? Dass ich 1888 auf der Zuckerplantage Tirto in Pekalongan auf Java geboren wurde, noch vor meinem sechsten Lebensjahr zwei Mal nach Holland gereist und wieder zurückgekommen war: von sechs bis elf Jahren auf Zentral-Java, auf der Zuckerplantage Redjosari bei Madiun, von elf bis siebzehn Jahren in Haarlem, an der Mädchenschule, gefolgt von vier Jahren am Gymnasium, zurück nach Hause und mit achtzehn Jahren geheiratet. Wir sind siebenundzwanzig Jahre – dazwischen zwei Urlaube in Holland – in Ostindien geblieben.« Ihr Mann machte dort als Richter Karriere und das bedeutete, dass er zunächst den Vorsitz kleinerer Gerichtsbehörden an allen Ecken und Enden des Archipels führen musste. »Und so sind wir umhergezogen. Wir haben an zwanzig verschiedenen Orten gewohnt, allerdings einschließlich der Wochenendhäuser am Meer und in den Bergen. Hier und da und überall auf Java, aber auch viele Jahre in den Molukken, diesen Inseln, die ich so sehr geliebt habe.«

HERKUNFT

Herkunft Maria DermoutMaria Dermoût war eine geborene Ingerman; mit vollem Namen hieß sie Helena Anthonia Maria Elisabeth. Väterlicherseits stammte sie aus einer seit Generationen in Niederländisch-Indien ansässigen Familie. Es ärgerte sie, dass man ihr Werk später mit dem Etikett »kolonial« versah; in der Ferne, in Ostindien zu leben war für sie wohl schlicht selbstverständlich. In einem Brief schreibt sie: »Ich wurde in Java in eine Familie hineingeboren, die schon seit vier Generationen mit Ostindien verbunden war, keine Mischlingsfamilie, das nicht, aber was spielt das schon für eine Rolle: Alles war mir so unendlich vertraut – das Land, die Menschen –, so etwas wie Rasseempfinden (und das ist kein Verdienst) gab es einfach nicht.« […] Die Verbundenheit einer niederländischen Familie mit einer ostindischen Insel zeigt sich in der Meisterschaft, mit der Maria Dermoût in ›Die zehntausend Dinge‹ ihrem Stoff Ausdruck verleiht. Die Autorin hat den Ostindischen Archipel nie als Kolonialgebiet betrachtet; sie beschrieb ihn als Symbol für einen Ort, an dem niederländische Familien versuchen, weit weg vom Mutterland und im vollen Bewusstsein ihrer Heimatlosigkeit ein neues Leben aufzubauen. Ihre Protagonisten sind Niederländer, emotional in Ostindien verwurzelte Fremde, für die die Rückkehr immer einen Verlust darstellte.

Kester Freriks

LEBENSEINSTELLUNG

Für Maria Dermoût gab es in der Schöpfung keine Hierarchie, innerhalb von Klasse oder Stand demzufolge genauso wenig. Im Jahr 1955 fasste sie in der ›Haagse Post‹ ihre Lebenseinstellung folgendermaßen zusammen: »Der Mensch also nicht als Mittelpunkt der Schöpfung. […] Er steht nicht höher, nicht niedriger als ein Baum oder eine Blume neben ihm, ein Vogel oder eine Qualle (schön wie ein Juwel). Ja, nicht einmal höher oder niedriger als die Dinge, die wir gelernt haben, als leblos oder unbeseelt zu betrachten: eine leere Muschelschale, ein Stein …«

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HEIRAT

Maria Dermout Heirat
Porträtfotos von Maria Ingerman und Isaac Dermoût anlässlich der Bekanntgabe

Maria heiratete sehr jung, noch vor ihrem neunzehnten Geburtstag. Ihren zukünftigen Mann lernte sie in dem idyllischen Bergdorf Tosari im Osten Javas kennen, wo sie nach einer Krankheit wieder zu Kräften kommen sollte. Isaac Johannes Dermoût war Jurist und neun Jahre älter als Maria. Er hatte als Gerichtskanzler in Surabaya gearbeitet und war kurz zuvor befördert worden. Verlobungsfotos zeigen ein junges Paar: er mit spröder Miene, aber einem nicht unsympathischen Gesicht über dem hochgeschlossenen steifen Kragen seiner weißen Tropenuniform, sie lieb und naiv, einen der flachen Gibson- Girl-Strohhüte auf der Hochsteckfrisur, die 1906 in Mode war, und mit seltsam glanzlosen dunklen Augen, die Indonesienkenner vermuten ließen, sie hätte doch indonesische Wurzeln. Etwas, das sie in der für sie typischen Art weder geleugnet noch bestätigt hat: Ihrem Biografen Johan van der Woude gegenüber beschrieb sie ihre Familie als »nicht gemischt«, aber auf eine Frage ihrer Enkelin antwortete sie einmal: »Ich glaube schon, dass da was dran ist, mein Kind, denn es gibt einiges, was dafür spricht. Aber nachvollziehen oder beweisen lässt es sich nicht.«

Hella S. Haasse

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SEITE 1: ›Die zehntausend Dinge‹
SEITE 2: Wer war Maria Dermoût? (Teil 1)
SEITE 3: Wer war Maria Dermoût? (Teil 2)
SEITE 4: Zeittafel zu Leben und Werk

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