»Der Garten umschloss sie immer fester, zeigte ihr Dinge, gab flüsternd seine Geheimnisse preis.«

Neuentdeckung eines vergessenen Bestsellers und einer großen Autorin

Wer war Maria Dermoût?

DIE STIMME OSTINDIENS

Maria Dermoût an ihrem 19. Geburtstag (Pati, 1907)
Maria Dermoût an ihrem 19. Geburtstag (Pati, 1907)

Maria Dermoût ließ sich von der oralen Tradition Ostindiens inspirieren. Sie hat den Menschen dort aufmerksam zugehört. Ihr Werk hat einen ostindischen Klang; nicht zugespitzt oder impulsiv, sondern melodisch, von langsamer Gangart, voller Wiederholungen. Die oftmals langen Sätze bestehen aus aneinandergereihten, durch Kommata oder Gedankenstriche getrennten Hauptsätzen, zwischen denen immer wieder eine Stille entsteht, als würde die Autorin erst einen Augenblick auf der Stelle treten, bevor sie mal geschäftig, dann wieder zögerlich weitergeht. Eigentlich muss ihr Werk laut gelesen werden. Sie suggeriert häufig mehr, als sie ausspricht.

Maria Dermoût umkreist ihren Erzählgegenstand, und so verbergen sich der Kern der Geschichte oder auch der Handlungsstrang manchmal hinter den Beschreibungen. Dennoch wird man ihr nicht gerecht, wenn man sie als impressionistische Autorin bezeichnet – ein Fehler, der nicht unterblieb. Doch wer genau liest, erkennt, dass jedem Detail im Lauf der Zeit zu guter Letzt eine tragende Rolle zukommt. Ihre Lyrik ist niemals bloße Lyrik; stets wechseln sich die poetischen Evokationen Ostindiens um die Jahrhundertwende mit nüchternen Aussagen ab, sodass ein unterschwelliger Eindruck der Bedrohung erzeugt wird. In ihrem Werk steht immer etwas kurz bevor: Tod, Abschied, Trauer, Gewalt liegen in der Luft. Vielleicht sollte man diese geheimnisvolle, aufgeladene Atmosphäre, die so typisch ist für die ostindische Literatur, als »stille Kraft« bezeichnen.

Kester Freriks

MEISTERIN DES ABSCHIEDS

In Pati (1907)
In Pati (1907)

Ihr ganzes Werk ist von Abschied geprägt. In ihrem Debütroman ›Erst gestern noch‹ verlässt das Mädchen Riek das Land seiner Kindheit. In dem Roman ›Die zehntausend Dinge‹ wird das Thema vertieft, darin umfasst der Abschied die notgedrungene Trennung durch den Tod oder die endgültige Abreise. Abschied zu nehmen ist eine Kunst, seine literarische Beschreibung oftmals eine noch größere. Maria Dermoût ist eine Meisterin des Abschieds. Eine sentimentale Autorin des »vergangenen Ostindiens« ist sie dagegen nie gewesen. Obwohl ihr Werk vom Archipel erfüllt ist, verwendet sie relativ wenig ostindisches Vokabular. Zu Recht findet sich im Anhang ihrer Werke kein Glossar; die hier und da eingestreuten malaiischen Wörter lassen sich leicht aus dem Kontext erschließen. Die exotische Färbung ihrer Prosa rührt schließlich nicht von exotischen Wörtern oder Beschreibungen her.

Kester Freriks

GROSSE PERSÖNLICHKEIT

In seiner Biografie schildert Johan van der Woude seinen ersten Eindruck von Maria Dermoût: »Sie hatte ein anziehendes Gesicht, in dem es hin und wieder verstohlen zuckte«, und: »Sie wirkte damals wie eine eher kleine Frau, aber das war eine optische Täuschung. Sie konnte sich klein machen, wenn sie keine Lust hatte, am Gespräch teilzunehmen, was oft vorkam, und dann war sie beinahe unsichtbar. Doch sie war nicht klein […]. Wenn sie stand oder durchs Haus ging, war sie eine stattliche Frau […]. Sie saß ganz klein in meinem Zimmer, aber als sie aufbrach, lief sie würdevoll vor mir die Treppe hinunter, aufrecht und mit geradem Rücken.« Maria Dermoût war damals einundsechzig Jahre alt.

Hella S. Haasse

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SEITE 1: ›Die zehntausend Dinge‹
SEITE 2: Wer war Maria Dermoût? (Teil 1)
SEITE 3: Wer war Maria Dermoût? (Teil 2)
SEITE 4: Zeittafel zu Leben und Werk

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