Interview mit Dora Heldt zur Buchmesse Frankfurt

 

© Gunter Glücklich

»Die wunderbaren Dinge, das sind Menschen, die man lange nicht gesehen hat, Bücher, von denen man noch nicht wusste, dass es sie gibt …«


Liebe Dora, kannst Du Dich an Deine allererste Buchmesse erinnern? Wie lange ist das her?

Meine erste Buchmesse war 1982, ich war Azubine im zweiten Lehrjahr und fand die Messe unbeschreiblich und sehr aufregend. Und ich habe damals ein signiertes Buch von Lew Kopelew geschenkt bekommen. Das steht heute noch im Regal. 

 

Ein Freund von mir, der auch aus der Verlagsbranche kommt, ist immer total unglücklich, wenn er nicht auf die Buchmesse kann. Kannst Du das nachvollziehen? Du bist ja dieses Jahr selbst nicht in Frankfurt. Vermisst Du es jetzt schon?

…wenn ich ganz ehrlich bin: ja. Ich habe mich zwar entschieden, nicht hinzufahren, aber nach den ersten Mails von Kollegen, Freunden oder ehemaliger Weggefährten, ob und wann wir uns treffen, habe ich schon geschluckt. Aber gut, dieses Jahr nicht, das ziehe ich jetzt durch und wehre mich gegen den Gedanken, dass ich jetzt gerade die wunderbarsten Dinge verpasse.

 

Die Buchmesse … Tempel der Literatur oder Verkaufsbörse? Oder ist das gar kein Gegensatz?

Nein, schließlich müssen Tempel unterhalten werden. Und es ist natürlich auch ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Aber, ich gebe es zu, ich finde das sehr spannend.

 

Du sagtest vorhin, dass Du „die wunderbarsten Dinge“ auf der Messe verpasst. Was sind denn das für Dinge, und was liebst Du am meisten an der Buchmesse?

Die wunderbaren Dinge, das sind Menschen, die man lange nicht gesehen hat, Bücher, von denen man noch nicht wusste, dass es sie gibt, der Kaffee, der einem am Stand von einem Menschen, den man lange nicht gesehen hat, angeboten wird, die überraschenden Begegnungen auf dem Weg von einer Halle zur anderen, die Autoren, die einem plötzlich entgegenkommen und denen man immer schon mal sagen wollte, wie toll man ihr letztes Buch fand, der Moment, an dem man sich abends zum Essen völlig erledigt an einen Restauranttisch setzt, das Stimmengewirr in den Hallen, die Würstchen davor, ach eigentlich alles.

 

Das hört sich alles traumhaft an! An dieser Stelle brauchen wir fast eine schöne Anekdote, eine Erinnerung an einen ganz besonderen Moment, auch wenn es vielleicht für Dich unzählige davon gegeben hat.

Es gab wirklich viele. Aber tatsächlich hatte ich ein sehr schönes Erlebnis, an das ich immer noch denke. Ich habe mal bei einem Fotoshooting zugesagt – und ich hasse Fotoshootings – nur weil die großartige und von mir sehr verehrte Ingrid Noll da auch teilnehmen sollte. Und ich dachte ganz beseelt, dass ich sie so doch endlich mal kennenlernen könnte.  Aber dort angekommen, sagte irgendjemand, es hätte eine Termindopplung gegeben und Frau Noll wäre deshalb gar nicht da. Was soll ich sagen? Das Fotoshooting war so, wie alle Fotoshootings sind, also anstrengend, auch irgendwie furchtbar und auch noch ohne Ingrid Noll. Später auf der Messe fragte mich jemand, warum ich denn da teilgenommen hätte, ich würde doch Fotoshootings hassen. Also habe ich es schmallippig erzählt. Und dann, eine Stunde später, stand einer der Menschen, die man viel zu selten und immer nur auf der Messe sieht, eine Kollegin vom Diogenes Verlag, vor mir und sagte, ich solle mitkommen, es gäbe jetzt eine Kaffee bei Diogenes am Stand. Und es war nicht nur Kaffee, es war Kaffee mit Ingrid Noll. Nur sie und ich. Es war grandios.

 

Eine schöne Geschichte. Danke! Übrigens: dtv feiert ja dieses Jahr 60-jähriges Jubiläum. Was verbindest Du persönlich mit diesem Verlag, außer dass es natürlich der Verlag Deiner wunderbaren Bücher ist?

Ich habe als Vertreterin von 1986 bis Ende 2018 für dtv gearbeitet, eine tolle Zeit. Und eine lange Zeit. Und wir sind ein Jahrgang. Das verbindet.

 

Das Interview führte Olga Tsitiridou.

 

 

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