Olga liest … ›Die Bagage‹ von Monika Helfer

 

Betritt man unser Verlagsgebäude ist Olga Tsitiridous Gesicht das Erste, das einem vom Empfang entgegenstrahlt. Für uns stellt Olga jeden Monat ihr persönliches Lese-Highlight aus unserem aktuellen Programm vor.

»Gefühle verduften, nur in Romanen halten sie angeblich länger, in manchen Romanen angeblich ein ganzes Leben lang.« Monika Helfer, Die Bagage

Maria Moosbrugger ist zu schön für die enge Welt, in der sie lebt. Es ist die Zeit des Ersten Weltkriegs, ihr Mann Josef wird in die kaiserliche Armee einberufen, Maria bleibt mit ihren fünf Kindern zurück in dem Haus ganz am Ende des Tals, im Bregenzer Wald, „diesem traurigen Hinterwald, wo mit Sicherheit keine Zukunft auf sie warte, auf sie nicht und auf die Kinder schon gar nicht“, so Marias Schwager. Die Dorfbewohner nennen die Familie, deren Leben durch Armut und Entbehrungen geprägt ist, abfällig „Die Bagage“. Doch jeder Mann malt sich insgeheim aus, wie es wäre … mit der schönen Maria. Der Respekt, die Furcht vor ihrem Mann hält sie davon ab, es zu versuchen. Und so bestimmt Josef, als er in den Krieg muss, seinen Freund und Partner bei undurchsichtigen „Geschäftchen“, den Bürgermeister, zum Hüter seiner Frau. Während ihr Mann im Krieg ist hat Maria eine schicksalhafte Begegnung mit dem Deutschen Georg , die sie verzweifelt zurücklässt – und aus der Grete, die Mutter der Erzählerin, entspringt. Josef, aus dem Krieg zurück, wird nie ein Wort mit Grete sprechen.
Es ist eine archaische Gesellschaft, die Monika Helfer in ihrem Roman skizziert, geprägt von harter Arbeit und Not, verstärkt noch durch den Krieg. Aber innerhalb dieser Welt gibt es ein Leuchten. Die Schönheit Marias vor allem und ihre Sehnsucht nach einem Leben, das lichter ist, freudvoller. Auf dem Viehmarkt in L. – wohin sie der Bürgermeister einmal mitnimmt – schaut sie sich die schönen Stoffe an. „Welche Farbe magst du am liebsten?“, wird sie gefragt. Und Maria antwortet: „Himmelblau.“ In solchen Momentaufnahmen hat man das Gefühl, dass Maria der engen Welt, in der sie sich bewegt, ihre Träume entgegensetzt.
Ganz besondere Außenseiter sind das, die hier skizziert werden. Die Kraft und der Behauptungswille der Familie sind beeindruckend, getragen vor allem durch Marias Sohn Lorenz, der noch ein Bub ist und trotzdem das Überleben der Familie sichert. Lorenz der Speisekammerplünderer. Lorenz der Wilderer, der sich sogar den Respekt der Jäger ertrotzt. Einmal hält er dem Bürgermeister, der seine Mutter bedrängt, den Lauf der Schrotflinte entgegen.
Monika Helfer hat einen wunderbaren Roman geschrieben. Sie erzählt diese Geschichte – die von ihrer eigenen Herkunft inspiriert ist – in einer klaren, meisterhaften Sprache, ohne zu romantisieren. Ihre „Bagage“ ist aber nicht ohne Hoffnung, denn sie besteht aus starken und interessanten Persönlichkeiten, die sich dem Schicksal entgegenstellen. In zahlreichen Vor – und Rückblenden tauchen noch weitere Familienmitglieder auf, und jedes für sich gibt der Geschichte seinen eigenen Akzent und seine eigene Perspektive. So umspannt dieser Roman auf nur 159 Seiten die Zeit vom ersten Weltkrieg bis weit in die Nachkriegszeit hinein.
Ganz hinreißend sind auch die Passagen, in denen die Autorin eine Art Selbstgespräch führt: „Erstens: Wann und wo endet die Bagage? Gehöre ich noch dazu? Gehören meine Kinder dazu? …“. Dann hat man das Gefühl, dass sich Monika Helfer für einen kurzen Moment aus der Geschichte zurückgezogen hat, um über eine wichtige Sache nachzudenken. Und welch ein Glück, dass der Leser dabei Zeuge sein darf.

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