Olga liest … ›Kaukasische Tage‹ von Banine

Betritt man unser Verlagsgebäude ist Olga Tsitiridous Gesicht das Erste, das einem vom Empfang entgegenstrahlt. Für uns stellt Olga jeden Monat ihr persönliches Lese-Highlight aus unserem aktuellen Programm vor.

»Wenn ich so zurückblicke, versetzt mich alles in Erstaunen. Diese halb orientalische, halb deutsche und später russische Kindheit – sie war meine. Dieses verträumte, verschlossene und recht ungezogene Mädchen – das war ich.« Banine, Kaukasische Tage

Banine ›Kaukasische Tage‹Im Gegensatz zu Anna Karenina wird sich die 18-jährige Banine am Ende dieses Buches nicht vor einen einfahrenden Zug werfen, sondern im Orient-Express Richtung Paris aufbrechen. Noch trägt sie ihren muslimischen Schleier und bricht auf in »eine unbekannte Welt«, durchquert »namenlose, geheimnisvolle« Reiche … Banine, Tochter eines aserbaidschanischen Ölbarons, 1905 in Baku geboren und aufgewachsen und, gerade einmal 15 Jahre alt, mit einem Mann zwangsverheiratet, den sie abgrundtief verachtet. Als sie im Frühjahr 1924 allein in den Zug steigt, existiert die Welt ihrer Kindheit nicht mehr. Nach der Oktoberrevolution und einer kurzen Phase der Unabhängigkeit ist Aserbaidschan Teil der Sowjetunion geworden.
Vier Tage dauert die Reise von Banine – ein Pseudonym für Umm-El-Banine Assadoulaeff – in die Stadt ihrer Träume: Paris. 1946 wird sie hier ihre Autobiografie ›Jours caucasiens‹ veröffentlichen. Die deutsche Erstveröffentlichung erschien im Jahr 1949 mit einem Vorwort von Ernst Jünger. Jetzt sind die ›Kaukasischen Tage‹ in einer neuen Übersetzung bei dtv erschienen. Und es gibt viele Gründe, warum man dieses wunderbare Buch lesen sollte.
Überaus geistreich und amüsant erzählt Banine von der Welt der aserbaidschanischen Ölbarone, von ihren ausschweifenden Gelagen, ihrer Spielsucht, von familiären Zerwürfnissen. Eine Familie, die so groß und verzweigt zu sein scheint, dass man leicht den Überblick verliert. Und mittendrin thront die Großmutter, »immer von einer Horde von Kindern und Dienern umgeben«, eine Art fleischgewordenes Monument, körperlich unbeweglich und fortwährend »fluchend, zeternd, rasend vor Wut …«. Ein Gegengewicht bildet das deutsche Kindermädchen Fräulein Anna, von dem Banine sagt: »Fast alles Schöne in meiner Kindheit hing mit ihr zusammen.« Fräulein Anna, die zum Entzücken der Kinder einen Weihnachtsbaum im Kinderzimmer aufstellen lässt und die Kinder heimlich mit Frankfurter Würstchen versorgt.
›Kaukasische Tage‹ zu lesen ist wie in einen Farbtopf zu fallen, so bunt und plastisch beschreibt die Autorin den Kosmos ihrer Kindheit und Jugend. Die Aufenthalte der Familie auf dem Land zum Beispiel, wo »die Pappeln vor Freude lauter rauschten als sonst« oder das Kaspische Meer, das in der Ferne »prachtvoll funkelte« und von dem es heißt, es werde »allmählich kleiner, verflüchtige sich, verschwinde«. An dieser Stelle kommt die noch sehr junge Heldin zu der Erkenntnis, dass die Veränderungen auf dieser Erde »alles und jeden betreffen«. Die kleine Banine als Visionärin in einer Welt wie aus ›Tausendundeiner Nacht‹.
Während der Rest der Familie aus Zeitvertreib mit einem großen Wagen durch Baku ihrem eigenen Untergang entgegenfährt, liest sich die junge Banine durch die Bibliothek ihrer Tante und gibt sich obsessiv ihren Tagträumen hin. Später wird sie sich unsterblich in Andrei Massarin, Mitglied des Revolutionären Komitees, verlieben, ihren ganz persönlichen Graf Wronski. Aus Liebe zu ihm wird sie – zur Empörung ihrer muslimischen Familie – Dienst an der Revolution leisten. Sie lässt sich mitreißen in den Strudel dieser dramatischen Zeitenwende, und die Erzählung darüber reißt den Leser mit.
Banine erzählt die Geschichte ihrer Emanzipation. Sie befreit sich aus und von den Zwängen bzw. Fesseln ihrer Herkunft. Ihren Blick lässt sie mal verachtend, dann wieder liebevoll über ihre Familie schweifen. Der in sich stimmige Text – der in der hervorragenden Übersetzung von Bettina Bach geradezu leuchtet – ist spritzig und lebendig und die Bilder, die Banine für ihre „halb orientalische, halb deutsche und später russische Kindheit“ zeichnet, hallen noch nach, wenn man das Buch längst zu Ende gelesen und aus der Hand gelegt hat.

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