Olga liest … ›Raumfahrer‹ von Lukas Rietzschel


Betritt man unser Verlagsgebäude ist Olga Tsitiridous Gesicht das Erste, das einem vom Empfang entgegenstrahlt. Für uns stellt Olga jeden Monat ihr persönliches Lese-Highlight aus unserem aktuellen Programm vor.

Lukas Rietzschel ist ein Künstler. Er malt mit Sprache. Und so reihen sich in seinem zweiten Roman ›Raumfahrer‹ so viele wunderbare Bilder aneinander, dass man immer wieder erstaunt innehält, um dann doch weiterzulesen, gierig fast nach Rietzschels nächstem Pinselstrich. Wie er zum Beispiel die Auflösungserscheinungen in strukturschwachen Regionen Ostdeutschlands beschreibt, ganz zu Beginn, wenn Natur und alle möglichen Tiere, Rehe und Wildschweine, in das Krankenhaus – dem Arbeitsplatz des Protagonisten Jan – drängen, das kurz vor der Schließung steht, weil keine Patient*innen mehr kommen. Das sind kraftvolle und aufwühlende Bilder. Und die Leser*innen ahnen, wie sich ein Mensch in einer Welt, die abgewickelt wird, fühlen muss. Ja, Tristesse kann schön sein, wenn man sie so beschreibt wie Lukas Rietzschel. Das Dämmmaterial von Rohren zum Beispiel, das anmutet wie Kaninchenfell. Oder eine Sonne, die über dem Dach eines Bettenlagers verschwindet …



»Mutter, Vater. Für Jan waren sie Raumfahrer.«


Eingebettet sind all diese Bilder in eine überaus spannende Geschichte, in der Krankenpfleger Jan erfährt, wie sein Leben mit dem des Malers Georg Baselitz verwoben ist; mit Flucht aus der DDR, Stasispitzeln, Liebe und Verrat. Jan erhält durch einen Patienten Dokumente, Briefe, Fotos, die sein Leben in Verbindung mit dem Bruder des Malers bringen. Widerstrebend spürt er dieser Vergangenheit nach und entdeckt, wie er unschuldig in Schuld verstrickt ist. So belastet die Vergangenheit der Protagonist*innen ist und so diffus ihre Gegenwart, man spürt ihre Kraft und ihren Behauptungswillen, denn der Autor skizziert seine Figuren mit viel Empathie. Lukas Rietzschel, selbst in Räckelwitz in Ostsachsen geboren, erzählt eine mehr als ungewöhnliche Geschichte, in der er einer ganzen Region ein erzählerisches Denkmal setzt – einer Region mit ihren Schornsteinen und verfallenden Industriegebäuden, von einer ganz eigenen Schönheit und Melancholie durchdrungen. Beides spiegelt sich auf wunderbare Weise auch in diesem Roman wider.

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