Olga unterwegs: Im Interview mit Krischan Koch

Betritt man unser Verlagsgebäude ist Olga Tsitiridous Gesicht das Erste, das einem vom Empfang entgegenstrahlt. Für uns lässt Olga aber immer wieder ihren Schreibtisch zurück und macht sich auf die Suche nach neuen, spannenden Stories über alles, was ein Bücherherz bewegt.  Diesmal spricht der Krimiautor Krischan Koch über die Stammbesetzung im Imbiss „De Hidde Kist“, von seinen Begegnungen auf Lesereisen, seinem Schreiballtag auf Amrum und von einem wundersamen Sieg des HSV gegen den FC Bayern.

„Jede Geschichte hat einen eigenen Soundtrack.“

Krischan Koch

 

Olga Tsitiridou: Herr Koch, hatten Sie in der Schule ein Problem mit Ihrer Lateinlehrerin?

Krischan Koch: Sie haben mich ertappt. Ich hatte tatsächlich immer mal wieder ein Problem mit Lateinlehrerinnen und Lehrern. Jetzt kommen sie in meinen Krimis vor, und – sehr seltsam – sie überleben es nicht. Irgendwie befreiend. Obwohl mir Lateinlehrerin Agathe Christiansen, die in meinem aktuellen Band tot auf der Toilette des ‚Nord-Ostsee-Expresses‘ gefunden wird, schon fast wieder ein bisschen leidtut.  

Ihr Krimi „Mord im Nord-Ostsee-Express“ ist eine gelungene Mischung aus „Mord im Orientexpress“, „Fargo“ und „Miss Marple“. Habe ich etwas vergessen? Sind Ihre Krimis auch als ein kleines Spiel für den Leser gedacht, ob er alle Motive erkennt? 

Ich habe ja erst vor gut zehn Jahren mit dem Krimi-Schreiben begonnen. Sehr viel länger, seit vielen, vielen Jahren schreibe ich Filmkritiken. Einen Großteil meines Lebens habe ich also im Kino zugebracht, und so kommt es, dass sich Figuren aus dem Kino und auch aus der Literatur immer mal wieder in mein nordfriesisches Fredenbüll verirren. Da gibt es dann Ausflüge auf den ‚Friedhof der Krustentiere‘, ein Mafioso führt in der ‚Hidden Kist‘ die italienische Küche ein oder Pensionswirtin Renate findet sich angekettet in einem Verließ wieder, nicht wie bei Jussi Adler-Olsen in einer Druckkammer, sondern in einem Vorratskeller zwischen den Einmachgläsern mit Schattenmorellen und Sauerfleisch. Mit dem ganz großen Kino klappt es in Fredenbüll dann doch nicht.  

Ihre Szenen im Imbiss `De Hidde Kist` sind so herrlich! Das ist ja ein Biotop für liebevoll skurrile Gestalten, wiedererkennbare Helden, von denen man wissen will, was sie sonst noch erleben. Gibt es reale Vorbilder dafür?

Ich habe natürlich sorgfältig recherchiert, in etlichen Stehimbissen die ganze Nordseeküste rauf und runter. Und auch in Hamburger Kneipen gibt (oder gab) es solche Stammbesetzungen wie in der ‚Hidden Kist‘. Dass ich früher in solcher Runde schon mal das eine oder andere kühle Getränk genommen hab, ist beim Schreiben heute ausgesprochen hilfreich. Und dann habe ich einen Freund, der ähnlich wie mein Althippie Bounty, lange Zeit auf dem Lande gelebt hat, und für seine Geschichten langsam mal etwas von meinem Autorenhonorar abhaben will. 

Ist das Schreiben Ihrer Krimis ein bisschen auch wie Kochen – im Anhang gibt es ja immer auch ein paar Kochrezepte – immer wieder neue Zutaten und am Ende ist der Autor bzw. der Koch selbst vom Ergebnis überrascht.

Ja, so ist es tatsächlich. Ich oder auch meine Frau haben eine Grundidee, ich beginne zu schreiben, und dann entwickeln meine Fredenbüller ein Eigenleben. Thies entwickelt seine Mordtheorien und führt seine Ermittlungen wie er will. Piet Paulsen macht seine Kommentare wie von selbst. Nur Bounty spricht die Playlist der Songs, die er bei den Auftritten mit seiner Band ‚Stormy Weather‘ spielt, vorher mit mir ab. Auch so etwas, was mir am Rande Spaß macht: Jede Geschichte hat einen eigenen Soundtrack  

Ihre Lektorin Karoline Adler hat mir übrigens verraten, dass Sie in Ihren Büchern Ereignisse verarbeiten, die wirklich passiert sind, was hat es zum Beispiel mit dem Schneefall während der Leipziger Buchmesse 2018 an sich?

Tatsächlich, eine plötzliche Schneekatastrophe hat mir einen ganzen langen Tag auf dem Leipziger Bahnhof beschert. Von da ist es gar nicht mehr weit zum ‚Mord im Orient … beziehungsweise …Nord-Ostsee-Express‘. Fredenbüll im Schnee stellte ich mir reizvoll vor. Der Verlag dagegen war von der Idee gar nicht so begeistert. Fredenbüll ist eine Sommerserie! Okay, habe ich gesagt und die Geschichte auf Ostern gelegt. Ich habe angefangen zu schreiben. Und was passiert? Es fängt Ostern heftig an zu schneien. Tja, auf das Wetter habe ich dann auch keinen Einfluss.   

Und da war auch die Sache mit einem extrem unsympathischen Fährmann ….

Man hat ja immer mal wieder unangenehme Begegnungen, unsympathische Leute bis hin zu echten Ekelpaketen. Zu denen gehörte früher ein Fährmann, der sämtliche Fahrgäste auf der Fähre nach Amrum zurechtwies, beschimpfte und sogar Schläge androhte. Der kommt in meinem ersten Krimi ‚Flucht übers Watt‘ vor… und er überlebt es nicht. Das Seltsame an der Geschichte, ich habe ihn danach auch in der Realität nie wieder gesehen. Das Krimi-Schreiben hat schon seine Vorzüge. Nur mein alter Lateinlehrer erscheint immer noch auf den realen Klassentreffen, und zwar bei bester Gesundheit

Sie machen sehr viele Lesungen. In Buchhandlungen, Museen, auf Schiffen und anderen spektakulären Orten. Kann man sich eigentlich jemals an die strahlenden, erwartungsvollen Gesichter, die dort auf Krischan Koch warten, gewöhnen? Oder ist es jedes Mal ein komplett neues Gefühl für Sie?

Es gibt Lesungsorte, die ich jedes Jahr besuche, und auch hier ist es immer wieder anders. Viele Leserinnen und Leser nehmen sehr aktiv am Fortgang der Fredenbüller Ereignisse teil. Ich bekomme neue Ernährungstipps für Imbisshündin Susi. Leserinnen sorgen sich um die jahrelange nicht immer glückliche Affäre von Kommissarin Nicole mit Studienrat Niggemeier. Und dann brachte kürzlich ein Paar ein großes Blech Butterkuchen zur Lesung mit, nach dem Rezept meiner Schwiegermutter aus dem Fredenbüll-Kochbuch ‚Jo, kann man essen‘. Herrlich! Meine Frau sagte nur. „Ja, genau wie der von Mama“. Das sind immer wieder schöne Überraschungen. 

Sie sind bedingungsloser HSV-Fan. Das spiegelt sich auch in ihren Figuren wider. So hat Piet Paulsen – Landmaschinenvertreter a.D. und Stammkunde in De Hidde Kist – seine beiden Zwergkaninchen Hrubesch und Magath genannt, frühere HSV-Spieler. Und Sie lassen den HSV vorzugsweise gegen den FC Bayern München gewinnen. Von Ihrer Frau soll der Satz stammen: „Krischan, du schreibst doch keine Fantasy-Romane“.

Ich glaube, es war gar nicht meine Frau, von der dieser Satz stammt. Das war ein echter Bayern-Fan, der Mann von Lektorin Karoline Adler. Es war aber auch zu schön, der 3:0 Auswärtssieg des HSV gegen die Bayern. Das sind so die kleinen Wünsche, die man sich als Autor erfüllen kann. Als ich diese Szene vor ein paar Jahren vor vollem Saal auf dem Hamburger Krimifestival las, ging ein Riesenjubel durch die Ränge, einer der schönsten Lesemomente für mich.  Der Traum wurde Wirklichkeit.

Wann wird denn der HSV den FC-Bayern endlich bezwingen? Gibt es Hoffnung?

Im nächsten Jahr steigt der HSV wieder auf. Piet Paulsen kann die HSV-Flagge im Vorgarten vom Halbmast wieder hochziehen. Und dann gibt es ein paar furiose Siege gegen die Bayern… zumindest in der „Hidden Kist“ auf dem Flachbildschirm gegenüber der Dunstabzugshaube.

Wie wichtig ist denn der Blick aufs Watt beim Schreiben für Sie? Überhaupt ein bestimmter Ort als Quelle der Inspiration.

Die Krimis schreibe ich tatsächlich meist auf Amrum. Morgens fahre ich mit dem Fahrrad zum Krabbenkutter, am Tag laufe ich über den Kniepsand, abends kommt der Fisch in die Pfanne und danach bin ich bester Stimmung, um mit Thies, Nicole, Piet und den anderen auf Tour zu gehen. Von meinem kleinen Schreibtisch kann ich übers Watt nach Föhr hinübersehen. Und bei klarem Wetter kann man an Föhr und den Halligen vorbei aufs Festland bis nach Fredenbüll gucken. Dann schimmert zwischen den Leuchttürmen ‚De Hidde Kist‘ hindurch.

 

Das Interview führte Olga Tsitiridou.

 

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