Zu Besuch bei…Melanie Hubermann

Wann schrieb sie ihr erstes Buch und über was und warum sollte sie vielleicht doch über die Arbeit mit einem Notizbuch oder einer Pinnwand nachdenken? Die Antworten auf diese und weitere Fragen findet ihr hier – Willkommen in der Schreibwerkstatt von Melanie Hubermann!

 

Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Ich bin für mein Empfinden ein Chaot beim Schreiben. Ich schreibe die grobe Geschichte in meinen drei Lieblingscafes. Ich brauche den Trubel, das Stimmengewirr und den Blick auf Familien, um kreativ zu werden. Außerdem ist die nächste Tasse Kaffee immer in der Nähe. Für das Feintuning setzte ich mich an meinen Schreibtisch zu Hause. Hier ist es dann relativ ruhig – mal abgesehen von meinen Töchtern, die für ein kleines Pläuschchen vorbeischauen. Da ich Vollzeit in meiner Praxis bin und nicht täglich zum Schreiben komme, muss ich mir alle paar Wochen Schreibblöcke in den Terminkalender setzen. Dann bin ich mit mir und meinem Buch verabredet. Außerdem funktioniere ich am besten unter Druck. Ich sitze oft Tage bis Wochen da und habe keine Eingebung. Das ist immer eine gute Zeit für Recherchen und Notizen. Und wenn ich dann erstmal meine ganze Familie und Freunde verrückt gemacht habe – nach dem Motto: Das mit dem Buch ist doch Wahnsinn und das bekomme ich nie hin – dann setze ich mich an meinen Computer und schreibe ohne Pause und produziere Seite für Seite. Jedes Mal hinterfrage ich dann, wofür ich mich und meine Umwelt so fertig mache – läuft doch! Irgendwann habe ich mein Konzept von Druck und Entspannung verstanden. Schon die Erkenntnis meines eigen kreierten Wahnsinns hat mich sehr entlastet.

 

Haben Sie dabei feste Rituale?
Zuerst gehe ich möglichst eine Runde Laufen. Das macht den Kopf frei und es fällt mir leichter die Rolle von Mutter/Therapeutin/Chefin zur Autorin zu wechseln. Ich, der Chaot, brauche dann erstmal einen ordentlichen Schreibtisch. Zu Hause zünde ich mir eine Kerze an, bereite Tee oder Kaffee vor. Da ich aus meiner Zeit als Journalistin noch immer ein Nachrichtenjunkie bin, bringe ich mich hier erstmal auf den neuesten Stand. Dann ziehe ich mir meine „Schreibjacke“ an. Sie ist kuschelig und für mich ist es der Moment, in dem ich zur Autorin werde. Während des Schreibens stehe ich allerdings regelmäßig auf, strecke mich, sorge für Koffeinnachschub oder kümmere mich um meinen Zuckerhaushalt.

 

Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand o.Ä.?
Ich arbeite mit einem Notizheft, welches ich immer bei mir trage. Hier kommen alle Ideen rein, die ich während des Tages bekomme. Außerdem sammele ich auf meinem Computer Geschichten und Ideen. Manchmal fallen Geschichten raus, weil der Aufbau nicht mehr passt. Diese Geschichten speichere ich dann für eine andere Stelle. Auf der Pinnwand hängt meine Kapitelübersicht. Die sichert mir meine Struktur. Kleine Post-its mahnen mich unter anderem, nicht zu viele Ausrufezeichen zu setzen oder zu sehr im Passiv zu schreiben.

 

Was wollten Sie als Kind werden?
Also zuerst natürlich Ballerina, dann Zirkusakrobatin. Ich habe mich schon sehr früh in einem Beruf mit Menschen und viel Abenteuer gesehen. Mir war und ist es wichtig auf eigenen Beinen zu stehen und etwas mit meinem Beruf zu bewegen. Aus dieser Vorstellung entstanden früh die Berufswünsche Journalistin oder Therapeutin.

 

Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Ich habe schon als Kind Geschichten geschrieben und wahnsinnig viel gelesen. Meine Familie war schon völlig genervt, ich habe mich regelmäßig mit einem Buch im Bad verschanzt und habe stundenlang gelesen. Was heute das iPhone nachts im Bett ist, war bei mir die Taschenlampe und ein Buch. Wenn ich nicht erwischt wurde, las ich bis in die frühen Morgenstunden. Es ist mir auch immer leichtgefallen, frei vor Menschen zu sprechen. Mit 12 Jahren hielt ich eine Rede anlässlich einer Feierlichkeit und eine Journalistin kam auf mich zu und lobte mich für meine Rede und meine angenehme Sprechstimme. Dieses Lob führte dann auch zu meiner ersten Berufswahl, dem Journalismus.

 

Welcher Autor/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?
Ich habe als Kind zu viel, zu schnell gelesen und kann mich an viele Inhalte nicht mehr gut erinnern. Aber das Buch ›Die unendliche Geschichte‹ von Michael Ende hat mich tief beeindruckt. Während ich das Buch las, konnte ich den Dachboden riechen. Die Worte haben mich zur kindlichen Kaiserin geführt und den Wind beim Fliegen mit Fuchur spüren lassen. Damals habe ich mir vorgenommen, irgendwann all die unerzählten Geschichten in diesem Buch zu Ende zu schreiben.

 

Welcher Autor sollte unbedingt noch entdeckt werden?
Ich komme in den letzten Jahren kaum zum Lesen. Und wenn dann mal Zeit ist, greife ich zu Altbekannten! Ich liebe Thriller und lese alles von Daniel Silva, Jussi Adler Olsen oder John Grisham.

 

Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
Mich hat von Delia Owens ›Der Gesang der Flusskrebse‹ begeistert. Ihr gelingt es auf eine wunderbar leichte Art, den Leser ins Marschland zu entführen und mit einer unglaublichen Liebe zu Worten diese unbekannte Natur liebenswert darzustellen. Außerdem erzählt sie ihre Geschichten aus unterschiedlichen, sorgsam entwickelten Perspektiven. Und dann zeichnet sie ein erbarmungsloses Bild vom Menschen, der keine Chance bekommt, wenn er ins falsche Leben geboren wird.

 

Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen? Was lesen Sie zurzeit?
Ich möchte unbedingt von Yuval Harari ›Eine kurze Geschichte der Menschheit‹ lesen. Und gerade lese ich von Jordan Petersen ›12 Rules of life‹. Allerdings fehlt mir aufgrund der Pandemie die innere Ruhe und Zeit, diese beiden umfänglichen Werke zu beenden bzw. zu beginnen.

 

Wo lesen Sie am liebsten?
Sobald das Wetter es erlaubt, lese ich im Garten umgeben von Sonne und Vögeln. Bei schlechtem Wetter belege ich unseren Lehnstuhl vor dem Kamin. Hier kann es aber auch mal passieren, dass ich nicht schnell genug bin und eine andere Leseratte den Sessel besetzt.

 

Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?
Das ist wirklich die schwierigste Frage! Ich muss grinsen, während ich mögliche Gründe suche. Meine alte Schulfreundin hätte da eine amüsante Geschichte beizusteuern. Wir waren gemeinsam mit unserem Leistungskurs in der Toskana und meine Freundin verknackste sich den Fuß. Sie musste im Hotel bleiben und konnte für zwei Tage an keinen Ausflügen teilnehmen. Ich sollte ihr Gesellschaft leisten, damit sie sich nicht langweilt und so alleine fühlt. Ich hatte einen spannenden Robert Ludlum dabei und begann zu lesen. Ich war nicht ansprechbar. Jedes Mal, wenn meine Freundin quatschen wollte, bekam sie ein Brummen zur Antwort. In diesen Tagen hat sie ernsthaft überlegt, mir die Freundschaft zu kündigen!

 

Mehr zu Melanie Hubermann und ihrem neuen Buch ›Leuchtturmeltern‹.

 

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