Zu Besuch bei … Nadire Biskin

Autorin Nadire Biskin verrät uns, wo sie am besten schreiben kann, was sie ihrem jüngeren Ich raten würde und für wen oder was sie auch mal ein Buch beiseite legt. Einen besonderen Haushaltstipp gibt es dazu gleich obendrauf. Willkommen in der Schreibwerkstatt von Nadire Biskin!

 

  1. Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
    Die ersten Grundideen notiere ich in einem Notizbuch, aber irgendwann wird es so viel und fließend, dass ich ungeduldig werde und anfange am Laptop zu schreiben. Da ich diverse Termine habe, habe ich auch keine bestimmte Uhrzeit zum Schreiben. Ich versuche aber möglichst früh am Morgen mit dem Schreiben zu beginnen. Manchmal sitze ich abends im Bett und spüre, ich muss weiterschreiben. Ich bin noch unentschlossen, ob ich das Schreiben als Arbeit separat von allem betrachten sollte und so zeitlich und örtlich abgrenze oder ob es was Schönes ist, was dementsprechend im Urlaub oder in einem Café fortgeführt werden sollte. Meistens sitze ich aber in der Staatsbibliothek oder in einer Stadtbibliothek, wenn Corona es mir erlaubt. Das ist eine alte Gewohnheit aus dem Studium. Ich habe viele Hausarbeiten und Essays zwischen Seminaren in der Universitätsbibliothek geschrieben.

  2. Haben Sie dabei feste Rituale?
    Rituale könnte ich gar nicht immer so umsetzen. Wer hat schon immer die nötigen Utensilien zur Verfügung? Ich versuche aber tatsächlich mich an einen Tisch zu setzen, auf dem möglichst wenig liegt. Alles andere lenkt mich ab. Ich möchte mich bedingungslos dem Schreiben hingeben.

  3.  Arbeiten Sie mit einem Notizheft, einer Pinnwand oder Ähnlichem?
    Ich arbeite mit einem Notizheft, aber auch mit meinem Smartphone. Ich nehme Audiodateien auf, wenn es sehr schnell gehen muss und wenn ich den Gedanken nicht verlieren möchte. Manchmal notiere ich mir auch etwas in einem Buch, was ich lese. Alles Mobile was mir zur Verfügung steht, verwende ich. Manchmal sogar einfach einen Kassenbeleg.

  4.  Was wollten Sie als Kind werden?
    Schriftstellerin wäre vermutlich die romantische Antwort. Jedoch kamen mir in der Kindheit und Jugend Berufe, bei denen ich nicht sehr präzise wusste, wie man sie erlernt, nicht in den Sinn. Ich wollte vieles werden, u. a. Flugbegleiterin. Irgendwer hatte mir erzählt, die würden beruflich bedingt nicht heiraten. Ich war sehr fasziniert davon! Anwältin wollte ich auch mal werden.

  5.  Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
    Das war ein sehr langer Weg tatsächlich, dabei denke ich rückblickend, ich habe nicht nur immer gerne gelesen, ich wollte doch schon immer Geschichte(n) schreiben! Mir wurde das von außen sehr oft an mich herangetragen, dass ich unbedingt schreiben sollte. Ich dachte damals, ich kann das nicht, die literarische Sprache und dann noch Deutsch, was nicht meine Erstsprache ist. Mittlerweile empfinde ich es als Bereicherung auf meiner Zweitsprache zu schreiben. Ich möchte mit meinem Schreiben, die Gefühle in Lesenden auslösen, die ich habe, wenn ich lese.
    Einfach machen, wäre mein Ratschlag an mein jüngeres Ich.

  6. Welche*r Autor*in/welches Buch hat Sie nachhaltig geprägt?
    Da gibt es so viele, angefangen von Zadie Smiths ›Zähne zeigen‹ über Taiye Selasis ›Ghana must go‹ bis hin zu Karil Tuils und Sandra Cisneros Büchern.

  7. Welche*r Autor*innen sollte/n unbedingt noch entdeckt werden?
    Saphia Azzedine, unbedingt bitte. Sie schreibt über verschiedene Welten, die Ungerechtigkeit eint. Sie schreibt so schonungslos und humorvoll wie keine andere.

  8. Welches Buch hat Sie jüngst begeistert?
    Da gibt es mehrere. ›Saison der Wirbelstürme‹ von Fernanda Melchor, ›Das Unwohlsein der modernen Mutter‹ von Mareice Kaiser, und ›Keine Aufstiegsgeschichte‹ von Olivier David. Was Lyrik anbelangt, ›Gestohlene Luft‹ von Yevgeniy Breyger und Dinçer Güçyeters ›Mein Prinz, ich bin das Ghetto‹.

  9.  Wen oder was wollen Sie unbedingt noch lesen?
    Ich muss noch unbedingt Toni Morrisons und Daniela Dröschers Bücher lesen und ›Worauf wir hoffen‹ von Fatima Farheen Mirza steht ganz oben auf der Liste. ›Die jüngste Tochter‹ von Fatima Daas hört sich auch sehr spannend an. Yasmine M’Bareks ›Radikale Kompromisse‹ nicht zu vergessen!

  10.  Was lesen Sie zurzeit?
    Jetzt ist mein Roman fertig und ich freue mich wirklich sehr darauf, mehr Zeit zum Lesen zu haben. Ich lese momentan ›153 Formen des Nichtseins‹ von Slata Roschal, was für ein dichtes, kluges Buch. Parallel lese ich endlich Bourdieu und freue mich auf Yael Inokais Buch ›Ein simpler Eingriff‹!

  11.  Wo lesen Sie am liebsten?
    Am meisten liegend auf dem Sofa, im Park, am Strand (viel zu selten leider) oder im Bett. Am besten kann ich in der Bibliothek lesen.

  12.  Wofür legen Sie jedes Buch beiseite?
    Den Haushalt lege ich für ein Buch beiseite und kann es nur empfehlen. Ein Buch lege ich beiseite, um eine Geschichte zu hören oder mündlich zu erzählen. Für jede Person, die Unterstützung benötigt und mich fragt, lege ich gerne jedes Buch beiseite.


Mehr zu Nadire Biskin und ihrem Roman ›Ein Spiegel für mein Gegenüber‹.

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